Das Logbuch
Tag 11: Ukraine, Russland
Die Lust auf's Fahren war heute morgen mehr als zu spüren: Alle drei schlungen wir das Frühstück im Hotel Ukraine hinunter, packten schnell unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg aus Kiew hinaus Richtung Russland. Der Weg dorthin lautete ungefähr so: Nach 100 Meter links, dann rechts, dann bis Russland immer gerade aus. Die Realität war zwar dann nicht so einfach, aber wenn man wie wir doppelte Sperrlinien ignoriert und mitten auf der Autobahn umdreht, dann geht wenigstens keine Zeit verloren ;-)
Die Strassen Richtung Nord-Osten waren gespenstisch gut, und der Verkehr gespenstisch dünn. An der Ukrainischen Seite der Grenze angekommen waren wir über die fehlende Schlange an Autos (LKWs gab's genug) verwundert, und man ließ uns relativ problemlos nach einer kurzen Autodurchsuchung durch. Was dann kam, gefiel uns ganz und gar nicht.
Auf dem rund ein Kilometer langem Stück zwischen der Ukrainischen und der Russischen Grenze waren rund 100 Autos vor uns in der Schlange. Es war 12:30 Uhr lokaler Zeit, als wir uns ganz hinten einreihten. Ein kleiner Spaziergang ergab, dass fast nur Ukranier und Moldawier in der Schlange standen, und jeder brav wartete.
In der ersten Stunde warten bewegten wir uns keinen Meter. Wir packten unsere Camping-Sessel aus, und fingen an Asia-Nudeln zu kochen. Dabei bemerkten wir, dass sich das Spülmittel und der Ketchup im Kofferaum selbstständig gemacht hatten, und alles entweder Ketchup-rot, oder Spülmittel-grün war. So hatten wir wenigstens für die nächste Stunde eine Beschäftigung: Alles im Kofferraum putzen. Ging am Ende gut, und man riecht auch nicht's von dem Unglück.
Die nächsten Stunden verbrachten wir mit plaudern (trafen nette Menschen dort), schimpfen (Patrick war hier Meister), verzweifeln und Schatten suchen. Nach ewiger Wartezeit beschlossen wir, die Folie zu brechen und unsere haarnagelneuen Super-Trumpf-Karten auszupacken und das erste Mal zum Zeittotschlagen einzusetzen. Patrick ging als König der Landmaschinen, und Marco als Gewinner im Traktoren-Super-Trumpf-Spiel hervor!
Nach rund sieben Stunden waren wir ganz vorne in der Schlange angelagt, da kam auf einmal ein englisch-sprechender Mensch und grüsste uns! Was für eine Überraschung: Ein weiteres Rally-Team war gerade an der Grenze angekommen, und fand uns bei der initialen Inspektion der Schlange. Das Team Suicide Yaks kam von Prag via Polen in die Ukraine, und war am Weg nach Moskau (danach fahren sie die selbe Route wie wir). Wir plauderten rund eine halbe Stunde, und tauschten uns bei Themen wie Rally, Route, Prager Nachtleben und Ukrainischen Frauen aus. Nach dieser halben Stunde mussten wir uns leider (oder gottseidank?) verabschieden, denn: Der geheiligte, verfluchte und verwunschene Balken zur Russischen Grenze ging für uns auf!
8,5 Stunden Wartezeit zwischen der Ukraine und Russland
Bei den Grenz-Männern angekommen stellte sich auch ganz schnell heraus, warum wir bis hierhin achteinhalb (8,5!) Stunden gewartet hatten: Obwohl wir alle drei Visas hatten, und dazu alle unsere Daten bereits an Putin schicken mussten, durften wir nochmals viele Formulare ausfüllen, wurden komplett durchsucht, und durften dann auch noch eine Import-Deklaration für das Auto in zweifacher Ausführung ausfüllen (Kopierer? Keine Chance.). Der Auto-Import-Dokument-Mann war aber sehr sehr nett, wie auch alle anderen Russischen Grenzmenschen! Er sagte uns, was wir alles ankreuzen sollen (zB. dass wir nichts zu deklarieren hatten, was offensichtlich falsch war, aber er mochte uns anscheinend und ließ uns und unser Gepäck einfach so durch), und schickte uns nach ein paar Stempeln auf unseren Weg in das größte Land der Erde: Russland :-)
Die Freude über den, ausser dem langen Warten, problemlosen Übertritt nach Russland wurde aber schnell gebremst, als wir bemerkten, dass es mittlerweile komplett dunkel geworden war, und so suchten wir uns direkt neben der Hauptstrasse ein Feld, in dem wir Bruno parkten und die Nacht im Auto verbrachten.
Tag 10: Pause - Ukraine, Chernobyl
Heute Samstag haben wir einen freien Tag geplant, an dem wir zwar Kilometer, aber nicht mit unserem Rally-Auto machen. Als wir in Österreich auf der A1 Richtung Wien gefahren sind, haben wir (unter dem Genuss des Österreichischen 3G-Netzwerks) eine Chernobyl-Tour gebucht, die uns einen Tag lang durch die 30-km-Exclusion-Zone führen sollte.
Pünktlich um 9 Uhr morgens trafen wir den Tour-Guide direkt auf dem grossen Platz vor unserem Hotel. Nach einer zweistündigen Fahrt kamen wir beim Militär-Kontroll-Posten der 30-km-Zone an, wo wir von einem Offizier via Passkontrolle und einem Drehkreuz in die Zone gelassen wurden.
Alles, was danach passiert ist und wir in Chernobyl gesehen haben, kann ist in dem folgenden Fotoalbum festgehalten. Manches davon ist mit Worten nur kaum zu beschreiben...
Als kurzer Überblick zur Orientierung: Zuerst kamen wir in Chernobyl an, besuchten eine ehemalige, geheime russische "Antenne", mit der man westliche Raketen und "Funk" abhören konnte, und fuhren dann direkt zum Reaktor 4, in dem der Unfall passierte. Danach fuhren wir noch in die verlassene 60.000-Stadt Prypjat, die zwei Tage nach dem Unglück komplett evakuiert wurde, und seither nicht bewohnt ist. Vor dem Weg zurück nach Kiew gab es noch ein Mittagessen, und am Ende sind noch ein paar Bilder vom Hauptplatz vor unserem Hotel.
Tag 9: Ukraine
In einem Auto aufwachen ist nicht so toll, wie Dominik heute erfahren durfte. Und dann verweigerte uns die Rezeptionistin auch noch das Frühstück für drei, obwohl wir für drei Personen bezahlt hatten, da das Zimmer nur zwei Betten hat... also wiedermal auf zu McDonalds, der gottseidank gleich um die Ecke war. Ein Frühstücks-Wrap später war auch Dominiks Welt wieder in Ordnung :-)
Das "Hotel" in Odessa
Wir machten uns gleich auf den Weg Richtung Kiew, das rund 550 km entfernt von Odessa liegt. Nur zweimal abbiegen, dann für 540 km immer gerade aus - Patrick war am Steuer, und von dieser riesigen Aufgabe nicht unbedingt überwältigt. Die Autobahn war erträglich, wenn abschnittsweise auch nicht einer Autobahn würdig. Um 15 Uhr fanden wir uns auf einer Tankstelle 10 km vor Kiew wieder, wo wir uns am gratis WLAN erfreuten, und gleichmal eine Karte von Kiew suchten.
Die Autobahn nach Kiew, und Marco beim "WLAN-Klau"
Zwar hatten wir die Adresse eines Hotels, konnten es aus verschiedenen Gründen (Kyrillisches Alphabet, Unfähigkeit, etc.) aber nicht finden... auch an der richtigen Adresse in Kiew lies sich das Hotel nicht blicken. Begünstigt wurde das ganze durch die Barrikaden, Strassensperren und Militär-Zelte in der Innenstadt natürlich nicht: Seit den Unruhen in Kiew, die bis Februar dieses Jahres gedauert haben, wurden die Zeichen der Strassenschlachten nicht entfernt, sondern werden sogar als Art Freiluft-Museum stehen gelassen.
Nach ein paar Kreisen um die Innenstadt haben wir das Hotel dann doch gefunden, nur um bei der Rezeptionistin feststellen zu müssen, dass dieses Hotel unser Rally-Budget leider bei weitem überschreitet :-( Dominik passte auf das Auto auf, und Marco und Patrick machten sich auf eine Hotel-Erkundungstour. Nach rund 20 Minuten kamen sie mit guten Nachrichten zurück: Es sei ein Hotel gefunden worden, und das gleich um die Ecke! Wir machten uns auf den Weg dorthin, und was uns bei der Zufahrt zum Hotel begegnete, war nicht sehr beruhigend, doch seht selbst:
Wir waren im Hotel Ukraine gelandet, welches auf einem Hügel mitten vor dem Majdan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz, auf dem die Unruhen bis Februar stattgefunden haben, steht. Rund um das Hotel stehen noch die Strassensperren, Barrikaden und Unterkünfte der Protestanten. Im Hotel, welches durch das Militär geschützt wird, sind fast nur Journalisten zu sehen. Der billige Preis (wohl wegen der geringen Nachfrage), der bewachte Parkplatz und die gute Aussicht haben uns sofort überzeugt :-)
Aber keine Angst: Es ist alles sehr ruhig und friedlich hier, wir müssen uns vor nichts und niemandem fürchten. Kiew präsentiert sich zwar an diesem einen Ort etwas wild (es fehlen zB. rund um den Platz viele Pflastersteine, da man dies zum Werfen und zum Bauen von Barrikaden verwendet hat), aber ansonsten sehr schön!
Nach ein paar Versorgungs-Einkäufen, dem klassischen Abendessen der Baatarnators ("Three Big Mac Menus, please!") und einem Spaziergang durch die Stadt fielen wir hundemüde in unsere Hotelbetten. Eine im Vergleich zum Vortag etwas langweilige Fahrt hat an einem spannenden Ort geendet!
Tag 8: Rumänien, Moldawien, Ukraine
Es gibt wohl schlimmeres, als in einem 4-Sterne-Hotel aufzuwachen. Das Frühstücksbuffet war üpping, die Rezeptionistin freundlich, und der Parkplatz-Einweiser zu Scherzen aufgelegt. Wir brachen früh Richtung Odessa auf, nachdem wir nochmals die Route besprochen hatten, und wurden leider wieder sehr schnell von den Rumänischen Strassen entäuscht.
Nichtsdestotrotz machten wir viele Kilometer, und kamen etwas später als geplant zur Moldawischen Grenze. Im ersten Moment freuten wir uns über die kurze Schlange vor dem "EU/EFA/CH"-Schild, jedoch mussten wir fast eine Stunde warten. Wir nutzen die Zeit, und sahen uns unser Klima-Anlagen-Problem genauer an. Entgegen den Erwartungen konnten wir das Kühlregal nicht mit Ducktape reparieren ;-)
Patrick, der gerade am Steuer saß, freute sich über die erfolgreiche Überquerung, und stieg kräftig auf's Gas - nur um nach rund einem Kilometer feststellen zu müssen, dass das erst die erste Grenze war, sprich die Ausreise. Die Einreise nach Moldawien stellte sich als schwieriger heraus - hier eine kurze Beschreibung der Geschehnisse:
- Wir blieben um 30 Meter zu früh stehen, woraufhin uns das Auto hinter uns, an dem ein mehr als groß und kräftig gebauter Rumäne und seine Familie saß (man könnte ihn als Diskotheken-Besitzer als zwei Türsteher anstellen), mit netten Handgehsten darauf hinwies, wir sollen doch die 30 Meter noch weiterfahren, um im Schatten zu stehen (er natürlich auch).
- Man muss an einem Schalter seinen Pass abgeben, worauf uns der große Rumäne wieder hinwies. Zu diesem Zeitpunkt fühlten wir uns schon quasi als seine Söhne, da er uns offenbar alles erkären wollte (wenn auch mit misstrauischem Blick).
- Danach muss man zu einem zweiten Schalter, um sein Fahrzeug irgendwie zu registrieren oder Steuern zu zahlen (wissen wir bis jetzt nicht was das war). Der Rumäne und ein zweiter versuchten wieder, zu erklären. Irgendwie überstanden wir diesen Schalter, ohne ein Wort sagen zu müssen.
- Als nächstes wurden wir zu einem Bank-Schalter geschickt, wo wir den Zettel des letzten Schalters bezahlen müssen. Auf einem Schild stand "7 days - 5 €", und so steckte Patrick einen 5-Euro-Schein durch das Fenster. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon von rund 6 Rumänen/Moldawiern umgeben.
- Die Dame im Bank-Schalter machte uns via Taschenrechner-Display klar, dass 5 Euro nicht reichen würden, und sie gerne 10 hätte. Ein Modawier neben uns bekommt das mit, und fängt heftig an mit der Dame im Bank-Schalter zu schimpfen. Er erklärt uns danach, dass sie uns abzocken wollte, und einen sehr schlechten Wechselkurs verwendet hatte. Er sagte, dass die selbe Bank in der Hauptstadt einen ganz anderen Wechselkurs verwendet. Er nahm unseren 5-Euro-Schein, packte noch einen anderen Schein in der Moldawischen Währung (wissen leider bis heute nicht, wie sie heisst) dazu, und schimpfte die Dame nochmal richtig böse an. Sie gab sich mit den Scheinen zufrieden, und wir durften weiterziehen.
- Mit der Zahlungsbestätigung des Bank-Schalters gingen wir wieder zum vorherigen Schalter, auch dieser Herr war mit dem Dokument zufrieden. Wir durften einreisen!
Etwas geschockt von dieser (im Nachhinein simplen) bürokratischen Hürde machten wir uns auf in die Hauptstadt Moldawiens. Marco hate das Steuer nach der Grenze übernommen, und konnte die sehr großzügigen Strassen, auf denen exakt null Verkehr war, mit etwas überhöhtem Tempo genießen. Wir wünschten uns den Ferrari, mit dem ein anderes Team gestartet war, her und genossen das gute Wetter und die schöne Landschaft.
Nach etwas Chaos in der Hauptstadt Chisinau bahnten wir uns den Weg Richtung Ukraine. Wir wählten die nördlichere Route via Tiraspol, was sich als interessante Wahl herausstellen sollte.
Als Patrick beim Aufräumen in den Rucksäcken auf der Rückbank auch noch eine Dose Coca-Cola entdeckt hat, war der Tag perfekt. Wir cruiseden in die Abendsonne und Dominik ließ die Füsse aus dem Fenster hängen.
Plötzlich, rund die Hälfte der Cola-Dose war getrunken, kam aus dem Nirgendwo ein Stop-Schild, ein Schranken, und drei Polizisten, die uns mit Wink- und Rufzeichen zu verstehen gaben, dass wir daran nicht ungehindert vorbeifahren dürfen. Wir stellten uns natürlich dumm, zeigen ihnen unsere Landkarte, und die drei fingen an, zu telefonieren. Sie sprachen kein Wort Englisch, aber einer der drei konnte offenbar ein paar Worte Spanisch. Wir jedoch nicht, und so mussten wir uns auf die Kommunikation via Landkarte und lächeln beschränken.
Nach einigen Telefonaten und Diskussionen mit seinen zwei Partnern entschloss sich der dickere der drei, uns eine Eskorte zu geben. Warum und wohin sollten wir erst später erfahren.
Die Fahrt ging über einen Weg, der mit unbeschreiblich großen Schlaglöchern und Spurrinnen übersäht war, durch ein verlassenes Industrie-Gebiet, in dem hier und da Uniformierte mit Maschinengewehren Kaffee (oder Vodka?) tranken. Wir glauben, Russische Flaggen auf ihren Uniformen gesehen zu haben, aber sicher sind wir nicht. Sie sahen uns zwar schief an, jedoch hatte die Eskorte ihre Wirkung: Keiner hielt uns auf :-)
Nach 20 Minuten Fahrt kamen wir zu einer Art Grenzübergang, bei dem wir aber aus einem Gebiet hinaus, anstelle hinein, fuhren. Wieder sahen wir Russiche Flaggen auf den Uniformen, und der Eskorteur kam zum stillstand. Er erklärte uns, dass wir ab hier alleine weiterfahren sollen. Prompt kam schon ein Grenz-Mann auf uns zu, und zog nach kurzer Abklärung der Sprachkenntnisse seine Kollegein hinzu. Sie sprach sehr gut Englisch, und erklärte uns, dass wir hier auf Autonomie-Gebiet sind, und nur mit 90-Euro-Tax (wir glauben, dass das ernst gemeint war) weiterfahren durften, aber das nicht wollten (ihre Worte!). Sie erklärte uns weiter, wie wir das Gebiet umfahren können, was wir dann auch taten. Einziges Problem: Es wurde dunkel.
Unsere Polizei-Eskorte durch ein autonomes Gebiet in Moldawien
Etwas geschockt, aber eher mehr amüsiert von unserer Eskorte durch ein Autonomie-Gebiet, in dem wir zufällig gelandet waren, machten wir uns auf den Weg die Alternativ-Route entlang, die die Autonomie-Gebiets-Grenz-Tante uns vorgeschlagen hat. Soweit stimmten alle ihre Angaben, und nach ewig langer Fahrt durch Moldawisches Niemandsland (rund 100 km) kamen wir endlich zu einem Grenzposten. Es war 22 Uhr lokaler Ortszeit.
Wir wussten bereits, dass uns zwei Grenzen erwarten würden: Die Moldawische, und die Ukrainische. An der Moldawischen Grenze fuhren wir an einer kilometerlangen Schlange an LKWs vorbei, ehe wir den Grenzposten erreichten. Die Grenzoffiziere waren offensichtlich überrascht und amüsiert von unserem Ankommen: Einer sprach gut Englisch, und wir unterhielten uns mit ihm über die Rally, Österreich und die Alpen (er möchte bald nach Brno und dann in Österreich Skifahren). Er und ein paar Kollegen, die offenbar kein Wort verstanden, schauten zu und die Bande ließ sich von uns dann unser Equipment (Kleidung, Werkzeug, etc.) zeigen. Ein zweiter klopfte an unseren Türen herum, und fing an, mit einer speziellen Kamera, die er durch den Spalt bei der Seitenscheibe steckte, den Innenraum unserer Seitentüren zu durchsuchen. Offenbar glaubte er, dass wir dort Drogen versteckten. Er gab nicht auf, und inspizierte auch noch die hinteren Türen - verwundert und benunruhigt durch das Feature unserer hintern Fenster, nicht komplett in der Tür zu verschwinden (wie eigentlich bei jedem "modernen" Auto üblich). Nach 20 Minuten suchen gab er auf, und ließ uns weiterfahren.
Froh über die problemlose Überquerung kamen wir an die Ukrainische Grenze. Ein offenbar betrunkener (wie ab hier jeder) Offizier hielt uns an, gab uns einen Zettel mit unleserlicher Schrift in die Hand, und schickte uns 100 Meter weiter zum Grenzposten. Dort holte der erste Offizier nach obligatorischer Sprachkenntnis-Abtastung einen zweiten, der Englisch sprach. Der rund 170cm hoch gebaute, blonde, mit sehr breitem Schritt (da betrunken, und sonst umfallend) dastehende Grenzoffizier ließ uns sofort wissen, woran wir sind. Er erklärte uns im ersten Satz, dass wir pro Person und Tag 100 Euro zahlen müssen, und wollte wissen, wie viel Bargeld wir dabei haben. Wir stellten uns natürlich dumm, und erkärten ihm, dass wir bereits ein Hotel in Odessa gebucht hatten, und alles mit Visa-Karte bezahlen würden. Das Gespräch drehte und wendete sich, erst verlangte er uns nach unseren Versicherungs-Dokumenten (wir haben nur Patrick's gefunden), dann nach weiteren Dokumenten, und nach rund 20 Minuten des hin- und hers schickte er Patrick und Marco ins Auto, da Dominik zu diesem Zeitpunkt der Fahrer war. Nach rund 20 weiteren Minuten des Schauspiels gab er Dominik sehr klar zu verstehen, wie wir in die Ukraine einreisen können: Pass nehmen, irgendwas reinstecken, ihm geben, weiterfahren, und sonst zurückfahren. Wir ließen uns (es war 23:30 Uhr oder so) auf den Deal ein, und Dominik holte Bargeld aus dem Auto. Dummerweise gab ihm Patrick gleich 30 Euro in die Hand - Wechselgeld gab's natürlich keines.
Nach einem "and now you please turn around and look away" zog der Offizier offensichtlich zufrieden (oder zu genervt?) ab und überließ seinen nicht-Englisch-sprachigen Kollegen die Arbeit. Der erste ließ uns ziehen, jedoch mussten wir noch zu "Customs", die 10 Meter entfernt waren. Der dortige Grenzmann war die ganze Zeit beim Gespräch dabei, war rund 50 Jahre alt, und schwer übergewichtig. Kaum war der Blonde abgezogen und Dominik stand am Zoll-Schalter, ließ der Dicke merken, dass er auch Geld wolle. Ein nettes Lächeln und schweres Ignorieren seiner Handfuchteleien reichten, und wir durften weiterfahren.
Kaum waren wir losgefahren, kam schon der nächste (wieder schwer übergewichtige und noch schwerer betrunkene) Offizier und winkte uns herbei. Er wollte den kaum leserlichen Zettel des ersten Offiziers haben, und zitierte wieder Dominik inklusive Pass zu ihm. Ein "Protokoll" wolle er uns ausstellen, und machte auch gleich klar, dass das 70 $ kosten würde. Viel fuchteln, lächeln, schimpfen und 20 Minuten später senkte er die Strafe auf 10 $, worauf Dominik zu erkennen gab, dass wir ins Geschäft kommen würden. Patrick gab im Auto Dominik 8 einzelen US-Dollar in die Hand, und Dominik überreichte die druckfrischen Scheine in seinem Pass verpackt dem Grenzmann. Dieser schien zufrieden und wünschte uns eine gute Nacht. Wir fuhren so schnell es ging los, und sahen nurmehr im Rückspiegel, wie er zählte und bemerkte, dass es nicht 10 $, sondern nur 8 waren ;-) Wir hörten keinen Schuss, und waren somit glücklich und zufrieden, endlich in der Ukraine zu sein.
Die Freude wahrte nicht lange, denn die Strasse von der Grenze weg war absolut unbefahrbar. Unsere Fahrt sah aus, als ob wir durch ein Mienenfeld fahren würden, mit sechs Augen, die ständig Ausschau nach dem nächsten Achsenbruch hatten. Vor uns lagen aber noch 100 km bis Odessa, und die Nacht wurde lang...
Wir fuhren durch verlassene Orte, gespenstische Strassen und zu 50 % auf Schotter. Die streunenden Strassenhunde, die wir immer wieder in der Ferne durch ihre leuchtenden Augen sahen, taten ihren Beitrag zur allgemeinen Stimmung: Wir waren endgültig in der Mongol Rally angekommen :-)
Dominik fuhr, und Patrick versuchte alles, ihn irgendwie durch die Schlagloch-übersähten Strassen und allgemein in die richtige Richtung zu lotsen. Nach einer halben Stunde kamen wir endlich in die Nähe einer wichtigen Brücke, die uns nach Odessa führen sollte. Die Brücke war nicht weit, doch plötzlich, und nicht durch Landkarten angekündigt, wurde die "Strasse" durch ein riesen Tor versprert. Wir konnten nicht weiter, und mussten zurück.
Nach einigen spannenden Minuten waren wir wieder auf einer "richtigen" Strasse, und fuhren einen weiteren Umweg, um Richtung Brücke und Odessa zu kommen. Wir erreichten die Brücke, die vorher und nachher durch Straßensperren des Militärs begrenzt war. Die Offiziere waren aber zu müde oder zu betrunken, um aufzustehen, und winkten uns durch. Je näher wir Odessa kamen, desto "besser" wurden die Strassen.
Um 2:30 Uhr lokaler Zeit erreichten wir Odessa und versuchten, das am Morgen gebuchte Hotel zu finden. Nach etwas suchen fanden wir es auch, weckten den Nachtwächter, und durften gleichmal erfahren, dass wir das Auto auf keinen Fall hier parken sollten, da es zu gefährlich war. Nach langem hin- und her entschlossen wir uns, dass einer (Dominik) im Auto schlafen sollte, und die anderen beiden (Patrick & Marco) eine Nacht im Hotelzimmer genießen konnten. Genießen konnten sie die Nacht aber nicht wirklich, denn das Hotel war weder schön, noch klimatisiert, noch üppig, noch toll.
Dennoch konnten alle drei etwas Schlaf bekommen, und so ging ein sehr langer (8:00 Uhr bis 2:30 Uhr), spannender und abenteuerreicher Tag zu Ende. Wir dachten nicht, dass die Strassenverhältnisse schon so früh so schlecht sind (man kann sich das als Österreicher kaum vorstellen, wie schlecht die Strassen hier sind) und wir bereits in der Ukraine das erste Schmiergeld zahlen müssen (dürfen?). Die kleine Detour durch ein autonomes Gebiet, und ein Grenzübergang am Ende der Welt um 10 Uhr Abends sind wohl nicht die beste Idee - oder doch :-)
Update Danke Florian für die Aufklärung auf unserer Facebook-Page: Das "Autonomiegebiet" nennt sich Transnistrien (mit der Hauptstadt Tiraspol). Regiert wirds von einem "De-facto-Regime", sieht sich selbst als Sowjetrepublik und hätte gerne den Anschluss an Russland. Erklärt dann wohl auch die Soldaten mit russischer Flagge. Neben der Krim und der Ostukraine eines der Gebiete, die man auf der Durchreise wohl lieber auslassen sollte ;-)










































































































































